Die Geschichte der ACT
         
von 1819 - 1938


 

 

Übersicht



 

1819 - 1848
Der Jahnsche Gedanke
Der Gründer des Turnens in Kassel

 

 

1848 - 1862
Turner Symbole
Casseler Männerturnverein
Aeltere Casseler Turngemeinde

 
 

1863 - 1898
Erste vereinseigene Turnhalle

 

 

1899 - 1913
Der neue Turnsaal
Schwimmsport
Fechten

 

 

1925 - 1938

 

1819- 1848

Der Gründungstag der Aelteren Casseler Turngemeinde fällt in das sturmbewegte Jahr 1848. Wenn wir den Ursachen der politischen Ereignisse von 1848 nachgehen, die schließlich auch den Boden für das Entstehen einer Turngemeinde in Kassel bereiteten, und dabei die turnerischen Geschehnisse der vorausgegangenen Jahrzehnte in Deutschland aufmerksam betrachten, dann werden wir feststellen, das das Schicksal der Turngemeinden, die sich einst aus dem Jahn’schen Turnplatz in der Berliner Hasenheide entwickelten, mit dem Verlangen des deutschen Volkes nach Freiheit und Einheit eng verknüpft war.

Dem deutschen Volk, das in den Befreiungskriegen 1813-1815 ungeheure Opfer gebracht hatte, war zum Bewusstsein gekommen, dass die Ursachen der Katastrophe, die es nach so vielen früheren Kriegen nun wieder erlebt hatte, im tiefsten Grunde seiner inneren Zerrissenheit zu suchen waren. Aus dieser Erkenntnis erwuchs das starke Verlangen des Volkes, über die Schranken der vielen deutschen Länder hinweg zu einer Einheit zu kommen. Das die Turnerschaft damals das deutsche Einheitsverlangen mit vorwärts trug, gehört zu ihren heute fast vergessenen Verdiensten. 

Die nach den Befreiungskriegen von den regierenden Fürsten gegebenen Versprechen, freiheitliche Verfassungen zu gewähren, waren nicht eingehalten worden. Das deutsche Volk, vom Geist einer neuen Zeit erfasst, verlangte aber im Inneren die Befreiung von allem Zwang und Druck, von Lasten und Diensten, die einer freien Entfaltung seiner Kräfte hinderlich waren. Es verlangte weiter Mitbestimmungsrechte in Regierung und Verwaltung.

”Freie deutsche Menschen und ein einiges, freies deutsches Volk”, das war das große Ziel, das sich bedeutende Männer der damaligen Zeit gesteckt hatten, und an diesem Ziel arbeitete auch Friedrich Ludwig Jahn, als er das freie, öffentliche, volkstümliche Turnen stiftete und damit, wie E. M. Arndt treffend sagte, einen durch alle Klassen und Stände gehenden Volksgeist weckte und belebte. Durch seine Arbeit an der Jugend wollte Jahn freie starke deutsche Menschen heranbilden. Die hohen sittlichen Gedanken, die ihn bei der Arbeit an der Jugend bewegten, gipfelten in dem Verlangen, sich als freie Menschen freiwillig und freudig in den Dienst des Volkes zu stellen und das Einheits- und Freiheitsverlangen mit vorwärts zu tragen.

Jahn und seine Turner gerieten mit dieser Einstellung in scharfen Gegensatz zu den damals regierenden Mächten. Besonders verdächtig erschien Jahn durch seine Lehre von der deutschen Einheit, die damals für höchst gefährlich galt.

”Freie deutsche Menschen und ein einiges, freies deutsches Volk”, das war das große Ziel, das sich bedeutende Männer der damaligen Zeit gesteckt hatten, und an diesem Ziel arbeitete auch Friedrich Ludwig Jahn, als er das freie, öffentliche, volkstümliche Turnen stiftete und damit, wie E.M. Arndt treffend sagte, einen durch alle Klassen und Stände gehenden Volksgeist weckte und belebte. Durch seine Arbeit an der Jugend wollte Jahn freie starke deutsche Menschen heranbilden. Die hohen sittlichen Gedanken, die ihn bei der Arbeit an der Jugend bewegten, gipfelten in dem Verlangen, sich als freie Menschen freiwillig und freudig in den Dienst des Volkes zu stellen und das Einheits- und Freiheitsverlangen mit vorwärts zu tragen.

Jahn und seine Turner gerieten mit dieser Einstellung in scharfen Gegensatz zu den damals regierenden Mächten. Besonders verdächtig erschien Jahn durch seine Lehre von der deutschen Einheit, die damals für höchst gefährlich galt. 

Nach Zusammenstößen mit reaktionären Gewalten wurde Jahn im Jahre 1819 verhaftet, und 1820 wurden in Preußen alle Turnplätze verboten. Jahn wurde sechs Jahre in Haft gehalten und jahrzehntelang unter Polizeiaufsicht gestellt. Erst nach dem Regierungswechsel in Preußen im Jahre 1840 wurde Jahn wieder in seine Rechte eingesetzt. Zwei Jahre später wurde die Turnsperre aufgehoben. Jahn erhoffte von der deutschen Nationalversammlung 1848 in Frankfurt/Main, der er als Abgeordneter angehörte, endlich die Erfüllung des Deutschen Einheitsverlangens aber auch in dieser Hoffnung sollte er enttäuscht werden.

Die ersten Anfänge des öffentlichen Turnens in Kassel fallen in das Jahr 1844. Ein Hanauer Turner und Mitbegründer der Hanauer Turngemeinde von 1837, Seifensieder Christian Reul, der im Jahre 1842 nach Kassel übergesiedelt war, verfolgte auch hier sofort den Plan, einen Turnverein ins Leben zu rufen. Er hatte hierbei große Schwierigkeiten zu überwinden, denn die Behörden trauten den Turnern, die soviel von Freiheit und Einheit geredet hatten, immer noch nicht. Schließlich gelang es ihm, im Jahre 1844 mit Gesinnungsfreunden vor dem Holländischen Tor im Thielemann’schen Garten, einen Turnplatz zu eröffnen.


Dieser Turnplatz, ungefähr an der Stelle, wo sich heute Studenten einfinden, dem ehemaligen Eingang zu den Henschel-Werken, war die
eigentliche Geburtsstätte des öffentlichen Turnens in Kassel.

Die von Christian Reul im Jahre 1845 nachgesuchte Genehmigung zur Konstituierung eines Turnvereins wurde von der Polizeibehörde nicht erteilt. In dem ablehnenden Bescheid hieß es, dass man dulden wolle, das privatim geturnt werde, dass aber die Genehmigung zur Konstituierung einer öffentlichen Turngesellschaft nicht erteilt werden könne. Im Jahre 1846 trat der Buchhändler Christian Hoffmann, der später die Entwicklung der Kasseler Turnverhältnisse so bedeutsam beeinflusste, der Reul’schen Turngesellschaft bei. Im Jahre 1847 wurde auch die Erlaubnis zum privaten Turnen zurückgezogen und die Turngesellschaft durch die Polizei gewaltsam aufgelöst. Nach einer Schilderung von Christian Reul erschienen auf dem Turnplatz eines Tages zwei Schutzleute, zwei Gendarmen und vier Zimmerleute und zertrümmerten Turngeräte und Turngerüste mit der Axt.

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1848 - 1862

Die März-Revolution 1848 hatte u.a. durchgesetzt, dass die das Vereinigungs- und Versammlungsrecht einschrän­kenden Bestimmungen aufgehoben wurden. Am 22. März 1848 findet sich in der Cassel’schen Allgemeinen Zeitung folgender Aufruf:

Heute Mittwoch den 22. d. M. soll eine Besprechung zur Gründung eines Männerturnvereins im Saale des Bierbrauers H. Heil in der oberen Karlstraße stattfinden. Freunde des Turnwesens werden hiermit eingeladen, am genannten Tage, abends 6 Uhr, sich dort einzufinden.                         C. Reul.

In dieser Versammlung wurde die Gründung eines Turnvereins beschlossen, dem man den Namen ”Casseler Turngemeinde” gab. Wenige Wochen nach seiner Gründung zählte der Verein schon 200 Mitglieder. In der Liste des Vorstandes finden wir die Namen einiger Turner, die in der Casseler Turnbewegung noch lange Zeit führend waren: Christian Reul als Turnwart, Christian Hoffmann als Schriftwart, Conrad Boppenhausen als Zeugwart. Sprecher des Vereins (heute ist es das Amt des 1. Vorsitzenden) war der Obergerichtsanwalt Heinrich Henkel, ein demokratischer Politiker, der auch bei den Märzunruhen 1848 in Kassel hervorgetreten war. Zum Ankauf eines Turnplatzes sowie der benötigten Geräte wurden durch Ausgabe von Aktien insgesamt 400 Taler zusammengebracht. Zum Turnen benutzte der Verein anfangs den Realschul- Turnplatz, später einen städtischen Lagerplatz vor dem Holländischen Tor. Im Dezember 1848 stifteten die Frauen des Vereins eine selbstgestickte kostbare Fahne mit turnerischen Symbolen, die auf vielen Turnerfahnen aus der Zeit der 40er Jahre zu sehen sind. In der Umrahmung eines Eichenkranzes sehen wir gekreuzt Fackel und Schwert, weiter ein Johanniterkreuz, darüber eine Eule.

Erläuterung

Die Fackel                 als Zeichen des Lichtes und der Wahrheit -


das Schwert            als Zeichen des Kampfes - gemeint ist der Kampf gegen die natürliche Neigung zur Trägheit und Bequemlichkeit, gegen alles Unedle, das sich im Herzen regen mag -


das Johanniterkreuz   ist das Zeichen der Nächstenliebe - 


die Eule mahnt zur Wachsamkeit und 


der Eichenkranz ist das Siegeszeichen der Turner.        
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(Diese Fahne war in unserem Besitz bis zum 22.10.1943. Bei der Katastrophe, die in dieser Nacht über Kassel hereinbrach, wurde sie ein Raub der Flammen.
)

Die Turner der 1830er und 1840er Jahre fühlten sich auch über den Rahmen ihrer Turngemeinde hinaus als eine Gemeinschaft. Im turnerischen Leben entwickelte sich ein immer fester werdendes Brauchtum. Man redete sich mit dem brüderlichen ”Du” an und begrüßte sich mit dem gemeinsamen ”Gut Heil”. Als äußeres Zeichen formte man die vier ”F” als die Anfangsbuchstaben des Turnerwahlspruches ”Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei” zum Turnerkreuz. Die Farben rot-weiß führte man als gemeinsame Turnerfarben ein. Rot soll die blühende Lebenslust, weil die Reinheit des turnerischen Lebenswandels versinnbildlichen. 

Die am Ende der 40er Jahre überall in Deutschland gegeneinander stehenden politischen Richtungen, die auch die Versuche eines Zusammenschlusses der Turn -Gemeinden zu einem einheitlichen Turnerbund zum Scheitern brachten, führten in vielen Städten zur Spaltung der Turngemeinden. Ein tragisches Schicksal lastete damals auf den Turnern, die einst die ersten und sehnsüchtigsten Künder der Einheit des deutschen Volkes waren und nun selber nicht einig sein konnten. Erst 1860 sollte die Einigung kommen.

So kam es 1849 auch im Kasseler Turnlager zu einer Spaltung. Unter der Führung von Christian Reul und Conrad Boppenhausen, die sich im Herbst 1849 mit ihrem Anhang von der 48er Turngemeinde losgesagt hatten, entstand ein zweiter Verein unter dem Namen ”Männerturnverein”, in den parteipolitischen Bestrebungen kein Raum gegeben werden sollte. Eine Veröffentlichung über die Gründung des "Casseler Männerturnvereins"  finden wir in der Casseler Zeitung ”Hornisse” vom 1. Mai 1850. In der 48er Casseler Turngemeinde, die die demokratische Richtung vertrat, übernahm nun Christian Hoffmann die Führung. Am 4. und 5. August 1849 veranstaltete der Allgemeine deutsche Turnerbund, dessen Vorort Kassel war, in Kassel auf dem Schützenplatz ein allgemeines deutsches Preis- und Schauturnen; die oberste Leitung hatte Christian Hoffmann

Was geschah in Kassel, als Anfang der 50er Jahre überall in Deutschland eine neue Welle politischer Verfolgungen über die Turnvereine gegangen war? Im Februar 1851 waren in Kurhessen alle Turnvereine verboten worden.

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Die auf Veranlassung des Ministers Hassenpflug eingeleiteten Untersuchungen gegen die Turnvereine führten dazu, dass rund 900 hessische Turner unter Anklage gestellt wurden. In Kassel litt unter dem Polizeiregiment am meisten der Vorsitzende der 48er Turngemeinde, Christian Hoffmann, dem auf längere Zeit die Geschäftskonzession entzogen wurde. Die Turngemeinde befolgte nicht ohne weiteres das polizeiliche Verbot. Jene gesinnungsverwandten 48er Turner ließen sich durch einen Polizeierlass so leicht nicht auseinander bringen. Sie mussten zwar ihren Turnplatz räumen, tauchten aber bald in irgendeinem abgelegenen Garten wieder auf und turnten weiter, bis die Polizei ihnen wieder auf den Fersen war. So zogen sie von einem versteckt liegenden Turnplatz zum anderen, im Winter von einem Lokal zum anderen. 

Amtliche Unterlagen geben Aufschlüsse über die damaligen polizeilichen Aktionen gegen die Turner, über geheime Turner-Versammlungen bei den Bierbrauern Wentzell, Hanusch und Hollstein, über Hausdurchsuchungen bei dem Vereinsdiener Schade und dem Vorsitzenden Christian Hoffmann. Bis zum Ende des Jahres 1853 sind die Spuren turnerischer Betätigung zu verfolgen; ab diesem Zeitpunkt hat sich wohl die Turngemeinde, der Macht weichend, auf bessere Zeiten vertagt. Die 48er Fahne, der die Polizei nachspürte, wurde gut versteckt gehalten und blieb daher dem Verein erhalten. 

Nach der Entlassung des hessischen Ministers Hassenpflug gegen Ende der 50er Jahre kamen auch für die Kasseler Turner bessere Zeiten. Die beengende und bedrückende Polizeiaufsicht hörte auf. In den letzten Augusttagen 1862 konnte die alte 48er Turngemeinde ihre Auferstehung feiern. Die der Turnsache treu gebliebenen Mitglieder konstituierten zusammen mit einer Anzahl Gesinnungsgenossen unter der Führung des Buchhändlers Christian Hoffmann wieder den alten Verein unter dem Namen ”Aeltere Casseler Turngemeinde”. Der so wieder entstandene Verein besaß das sämtliche Inventar der 48er Turngemeinde einschließlich der Fahne sowie das vorhandene Barvermögen. Er übernahm auch die Schuldverbindlichkeiten des alten Vereins und löste nach und nach die noch ausstehenden Aktien ein. Die Neukonstituierung der 48er Turngemeinde unter dem Namen ”Aeltere Casseler Turngemeinde” gab Christian Hoffmann in der Deutschen Turnzeitung von 1863, Nr. 14, bekannt. 


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1863 - 1898

Die Mitgliederzahl der Aelteren Casseler Turngemeinde, die Ende 1862 rund 142 betrug, stieg bis Ende 1863 annähernd auf 300. Aus dem Vereinsleben in den 60er Jahren wird u.a. von regelmäßigen Turnfahrten und öfteren Treffen auswärtigen Vereinen berichtet. Ende 1864 gehörten 55 Mitglieder der Aelteren Casseler Turngemeinde der freiwilligen Turnerfeuerwehr Cassels an. Die Kriege 1864, 1866 und 1870/71 (am letzteren nahmen 22 Mitglieder teil) störten die  Aufwärtsentwicklung unserer Turngemeinde sehr. Erst in den 80er Jahren nahm der Turnbetrieb wieder einen erfreulichen Aufschwung.

Der sehnlichste Wunsch der Mitglieder, eine eigene Turnhalle zu besitzen, sollte unter der tatkräftigen und entschlossenen Leitung von Fritz Landau in Erfüllung gehen. Am 27. September 1885, dem 100. Geburtstage Friesens, konnte die auf einem angekauften Grundstück in der Schützenstraße erbaute Turnhall als erste vereinseigene Turnhalle in Kassel ihrer Bestimmung übergeben werden.

Die nun folgenden Jahre können in jeder Hinsicht als eine Glanzzeit der Aelteren Casseler Turngemeinde bezeichnet werden. Die auf 350 angestiegene Mitgliederzahl und die aus den Siegerlisten ersichtlichen, bis dahin beispiellosen turnerischen Erfolge in jener Zeit, geben davon Zeugnis, dass hier eine von echt "Jahnschem Geist" erfüllte Turngemeinschaft am Werk war. Adam Hoffmann, der sich um die Aeltere Casseler Turngemeinde verdient gemacht hatte wie nur wenige, errang damals als Spitzenkönner seine größten Erfolge. In den 90er Jahren wurde er sechsmal hintereinander erster Sieger bei Kreis- und Gauturnfesten. Er und Fritz Hildebrecht  waren damals die besten Turner des Vereins. Fritz Hildebrecht beherrschte die Turnsprache wie nur wenige; er war zugleich ein ausgezeichneter turnerischer Lehrer. Beide haben sich um die Heranbildung unserer nach und nach zu einem festen Gefüge gewordenen Vorturnerschaft besondere Verdienste erworben. Der Verein wurde um seine Vorturner weit und breit beneidet. Der gute turnerische Geist der Aelteren Casseler Turngemeinde hat sich über Generationen fortgepflanzt und später den Verein zu einer nie geahnten Höhe geführt. Wer als Außenstehender einmal eine Turnstunde oder eine gesellige Veranstaltung des Vereins besuchte, der merkte bald, dass hier der Gemeinschaftsgedanke besonders ausgeprägt war, und dass in dieser Gemeinschaft niemand fragte nach arm und reich, nach Titel, Rang oder Stand. 

Bei den Deutschen Turnfesten fehlte die Aeltere Casseler Turngemeinde mit ihrer ehrwürdigen Fahne nie. 

Im Jahre 1898 jährte sich zum 50. Male der Tag, an dem unsere Turngemeinde  in politisch bewegter Zeit ins Leben gerufen wurde. Wir sehen den Verein in der Maienzeit 1898 voll frischer Kraft und blühenden Lebens seine Jubelfeier in großem Rahmen begehen. Bei dieser Feier richtete u.a. auch der Gründer des Vereinsturnens in Kassel, Seifenfabrikant Christian Reul, eine zündende Ansprache an die Festversammlung. 

Der Verein änderte seinen Namen in “Casseler Turngemeinde von 1848”. 

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1899 - 1913

Die kommenden Jahre waren besonders intensiver turnerischer Arbeit gewidmet. Bei allen großen Veranstaltungen traten die 48er Musterriegen mit großem Erfolg auf. Deutsche Turnfestsieger wurden in jener Zeit: in Nürnberg 1903 Gustav Stöhr 15. Sieger im Dreikampf; in Frankfurt a.M. 1908 Herwig 49. Sieger im Fünfkampf; in Leipzig 1913 Georg Schüßler 48. Sieger im Sechskampf. 

Nur 26 Jahre sollte die Turnhalle in der Schützenstraße dem Verein als Turnstätte dienen. Um das Jahr 1908 wurden die Mängel der Halle derart, dass man mit baldiger Baufälligkeit rechnen musste. Eine rührige Vereinsleitung mit Justus Ungewickel an der Spitze vollbrachte in den Jahren 1909 - 1911 das schwierige damals kaum für möglich gehaltene Werk der Errichtung einer neuen Turnhalle in der Wimmelstrasse. Mit besonderen Lettern finden wir in dem Tagebuch unseres Vereinslebens das große Entgegenkommen der Stadt Kassel bei der Überlassung eines geeigneten Bauplatzes und die hochherzige Hilfe des Geh. Kommerzienrats Dr. Karl Henschel verzeichnet. Dieses schöne, neuzeitlich gestaltete Turnerheim wurde am 28. Mai 1911 durch eine würdige Feier seiner Bestimmung übergeben. Das war ein Glanz- und Freudentag für den Verein, allen Teilnehmern wird der erhebende Augenblick unvergessen geblieben sein, als nach dem verklungenen Auftakt ”Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre” die stattliche 48er Turnerschar unter der Leitung von Oberturnwart Gustav Stöhr zum ersten Mal im neuen Turnsaal aufmarschierte und das Eckhardt’sche Turnerlied sang. 

In dem schönen neuen Heim, das die neuzeitlichste Turnstätte des Oberweserkreises war, erhielt das gesamte Vereinsleben neue Impulse. Im Ausbau seiner Einrichtungen schritt der Verein beständig voran. Das Frauenturnen, dem die Mängel der alten Turnhalle bisher hindernd im Wege standen, wurde im Herbst 1911 ins Leben gerufen und erfreute sich regen Zuspruchs. Das gesellige Vereinsleben nahm in den im eigenen Heim zur Verfügung stehenden Gesellschaftsräumen einen erfreulichen Aufschwung. Die Beschaffung eines Spiel- und Sportplatzes war die nächste große Aufgabe, die gelöst werden musste.

                     

Die neue vereinseigene, für damalige Verhältnisse neuzeitlichste Turnhalle auf dem Grundstück in der Wimmelstra8e. Der Turnsaal hatte die neuesten eingebauten Geräte, eine Zuschauergalerie, eine Rednerkanzel, eine Recknische, die zur Bühne umgewandelt werden konnte. Geräte-, Umkleide- und Waschräume gehörten zum Heim. 

Foto aus 1912

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1914 - 1924 

So blickte unsere Turngemeinde mit frohen und stolzen Hoffnungen in die Zukunft. Da brach 1914 der 1.Weltkrieg aus. 250 Turner wurden zum Heere eingezogen, die Turnhalle wurde Lazarett. Der Krieg riss in die Reihen uns Mitglieder schmerzliche Lücken, 33 Turnbrüder kehrten nicht zurück. So groß und schwer nach dem Kriege auch die Aufgabe war, den Verein wieder aufzubauen, sie wurde dank dem tatkräftigen Zugreifen der alten bewährten Kräfte gemeistert. Es zeigte sich, dass die 48er Turngemeinde, die wie eine alte wetterharte Eiche schon so manchem Sturm getrotzt hatte, auch die Stürme des 1.Weltkrieges ohne Erschütterung überstanden hatte.

Das Jahr 1919 brachte die Verschmelzung der 48er Turngemeinde mit einem führenden Kasseler Sportvereine, dem Verein für Rasenspiele 03. Mit dem Zusammenschluss legte sich der Verein den Namen ”Casseler Turn- und Sportverein von 1848” zu. Durch diese Vereinigung war auch der schöne Sportplatz an der Leipziger Straße gewonnen worden. Ideale Ziele waren es, die man sich auf beiden Seiten durch den Zusammenschluss gesteckt hatte. Die Jahre 1920 - 1923 waren turnerisch wie sportlich reich an Erfolgen.

Werner Möller wurde 1921 deutscher Meister im Dreikampf. Walpert errang 1923 die deutsche Meisterschaft im 5000 m - Lauf. Fritz Schulze wurde bei den Deutschen Kampfspielen 1922 31. Sieger im Zwölfkampf und 25. im Fünfkampf. 

                          Der neu errichtete Sprungturm am Fuldaufer des Badeplatzes am Auedamm -   

Foto aus 1926



Um auch dem gesunden Schwimmsport in unserem Verein größeren Auftrieb zu geben, wurde in 1921 von der Stadt Kassel ein Schwimmplatz an der Fulda gepachtet. Der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung bewiesen hierbei großes Entgegenkommen. Dem Verein war in jenen Jahren auch eine gutgeleitete Gesangsabteilung angegliedert. So stand der Verein, als er im Mai 1923 mit großangelegten Veranstaltungen sein 75jähriges Bestehen feierte, in voller Rüstigkeit da.

Die damals eingetretenen Spannungen zwischen den Sportverbänden und der Deutschen Turnerschaft führten schließlich wieder zu einer Trennung unserer Turnerschaft von der Sportabteilung. Diese schied im Herbst 1924 aus unserem Verein aus und bildete den ”Casseler Sportclub 03”. Die verbliebene Turngemeinde legte sich ihren alten Namen ”Aeltere Casseler Turngemeinde” wieder zu. Die beiden nun wieder selbständigen Vereine sind auch nach der Trennung freundschaftlich miteinander verbunden geblieben. 
 

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1925 - 1938     

   

In den nun folgenden Jahren entwickelte die Aeltere Casseler Turngemeinde, die von jetzt ab kurz ACT genannt wird, ein blühendes Vereinsleben wie nie zuvor. Es war gerade so, als wären dem Verein jetzt die Arme zum Schaffen wie­der ganz frei geworden. Wer die stetige gesunde Entwicklung der ACT seit jener Zeit mitgemacht hat, der weiß, wie der Kreis ihrer Aufgaben immer weiter gezogen wurde, sobald sie die Kräfte dazu hatte. So wurden die verschiedenen Übungszweige - Geräteturnen, Volksturnen, Handball, Sommerspiele, Fechten, Schwimmen, Wandern - allmählich zu hoher Blüte entwickelt. Die vorbildliche Jugendarbeit der ACT, verknüpft mit dem Namen Rudolf Haarberg, hat reiche Früchte getragen.
Das pulsierende Leben in der ACT fand nirgends so sichtbaren Ausdruck wie in den großen Stadthallen-Schauturnveranstaltungen, die in 1923 begonnen, sich von Jahr zu Jahr sowohl in der Leistung als auch im Umfang - bis zu 600 Mitwirkende! - vornehmlich durch die Initiative des langjährigen Oberturnwarts Wilhelm Ries steigerten. Sie wurden zum Musterbeispiel, von dem sich viele Vereinsabordnungen selbst aus weit entfernten Städten Anregungen für ihren eigenen Turnbetrieb holten.
Eine Blütezeit machte die Handballabteilung durch, die besonders in den Jahren 1925 - 28 wiederholt zu Meisterehren kam.
Auch das Fechten konnte dank der Beharrlichkeit einiger Turnbrüder im Jahr 1928, nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen, endgültig in den Übungsbetrieb der ACT eingebaut werden.

Ein Markstein in der Vereinsgeschichte war die Errichtung des Vereinshauses auf dem Schwimmplatz im Jahre 1927, um die sich der damalige Vereinsvorsitzende Eduard Waldheim große Verdienste erwarb. Neben dem Vereinsheim war nun ein neuer Sammelpunkt geschaffen worden, der sich segensreich für die Vereinsfamilie auswirkte. Weit besser waren jetzt die Vorbedingungen für eine Belebung des wettkampfmäßigen Schwimmens geworden, und mancher Sieg und manche Meisterschaft unserer Schwimmerinnen und Schwimmer, die fast durchweg keine Spezialisten waren, stellten sich in der Folgezeit ein.

Die ACT war zu allen Zeiten auch eine besondere Pflegestätte des Wanderns, das ja mehr als nur körperliche Auffrischung ist: ein Erleben für Sinn und Seele. Das Auftreten großer Musterriegen der ACT mit Teilnehmerzahlen bis zu 120 bei Veranstaltungen des
Nordhessengaues und des Oberweserkreises trug viel zur Belebung und zum Gelingen dieser Feste bei.

Der erfolgreichste Turner der ACT in den letzten 15 Jahren vor dem zweiten Weltkrieg war Kurt Wedekind. Jahrelang war er erster Zwölfkampfsieger bei Kreis- und Gaufesten und bei Deutschen Turnfesten zählte er wiederholt zu den besten Geräteturnern. Er gehörte der Deutschlandriege an und war Sieger beim Eidgenössischen Turnfest in Aarau. Er kehrte aus dem Kriege nicht zurück. Sein Andenken aber lebt fort in unseren ersten Riegen, deren Nachwuchs er heranbilden half, die er in zahlreichen Kunstturnwettkämpfen zum Siege führte und die dann seinen Namen trugen.

Deutsche Turnfeste, bei denen sich Turner der ACT wiederholt bis zur Spitzengruppe emporarbeiten konnten, und zahlreiche Kunstturnwettkämpfe unserer ersten Riege, z.B. gegen Mannschaften aus Hamburg, München, Mannheim, Bochum, Bad Kreuznach, waren besondere Ehrentage unserer Leistungsturner. Von den Deutschen Turnfesten kamen unsere Turner mit herausragenden Ergebnissen zurück.

   13. Deutsches Turnfest 1923 in München (93 Teilnehmer):
                       1. und deutscher Meister im 5000-m-Lauf Hermann Walpert
                       5. im 200-m-Lauf Georg Seilhast
                       6. im volkstümlichen Zehnkampf Lipfert;

   14. Deutsches Turnfest 1928 in Köln (68 Teilnehmer, 4 Sieger):
                     10. im Zwölfkampf Kurt Wedekind, unter allen Turnern mit der höchsten Punktzahl an den Geräten!

   15. Deutsches Turnfest 1933 in Stuttgart (91 Teilnehmer):
                      6 Turner und 7 Turnerinnen erkämpften den Eichenkranz.

   16. Deutsches Turnfest 1938 in Breslau (85 Teilnehmer):
                    12 Turner und 9 Turnerinnen erkämpften sich den Eichenkranz.
 

  Turnvorführungen auf dem Badeplatz:

Foto aus 1927

                                       Paul Schmidt, Henner Schneider, Kurt Wedekind, Henner Börner, Walter Kehrer.

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